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8. Mai 2024

Auswirkungen der Pille

Dr. Stephanie Eder erklärt, ob die Pille als Verhütungsmittel wirklich Einfluss auf unsere Libido hat und wie wir sie trotz Pilleneinnahme wieder in Schwung bekommen. Außerdem weiß sie als Gynäkologin um die Chancen, Risiken und Auswirkungen der Pille – und was es bei der Einnahme zu beachten gilt.

Die Antibabypille ist mehr als nur ein Medikament in einer Blisterpackung. Als sicheres Verhütungsmittel seit Jahrzehnten bekannt, um primär Schwangerschaften zu verhindern, löst die Pille in den letzten Jahren immer wieder Debatten aus, wie zuletzt auch auf diversen Social-Media-Kanälen zu beobachten ist. Hier teilen immer mehr Frauen ihre Erfahrungsberichte mit der Pille als hormonelles Verhütungsmittel und die damit einhergehenden Auswirkungen wie Libidoverlust, depressive Verstimmungen oder Gewichts- und Hormonschwankungen. Und das ergibt auch Sinn: Denn die in der Pille enthaltenen künstlichen Hormone stellen einen deutlichen Eingriff in den natürlichen Menstruationszyklus dar und können sich damit auf das Gleichgewicht von Körper und Seele auswirken. Der Social Media Trend zeigt im Gegenzug auch die positiven Effekte, die für viele Frauen nach dem Absetzen der Pille eintreten: Ein ausgeglichener Hormonhaushalt, good vibes only und die Rückkehr der Libido, die wieder on fire ist.

Out of Balance

Erstmals seit 2007 wird die Pille als das Verhütungsmittel Nummer eins in Deutschland abgelöst und zwar vom Kondom. Grund dafür ist eine zunehmend ablehnende Haltung gegenüber hormoneller Verhütung, die in der gesamten sexuell aktiven Bevölkerung zunimmt. Demnach stimmen 61 Prozent der Frauen und Männer der Aussage zu, dass Verhütung mit Hormonen „negative Auswirkungen auf Körper und Seele“ hat. Zu diesen Ergebnissen kommt die aktuellste Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Dass hormonelle Verhütung zunehmend kritischer gesehen wird, liegt vor allem an den Eingriffen in die körperlichen Prozesse der Frau und das seelische Wohlbefinden. Vor allem die Hormonveränderungen rücken in den Fokus, wenn von der Pille gesprochen wird, denn die Pille kann den Hormonhaushalt ordentlich auf den Kopf stellen. Die in der Pille enthaltenen meist künstlichen Hormone (synthetisch hergestellte Östrogene und Gestagene) setzen den natürlichen Zyklus außer Kraft, unterbinden den Eisprung und verhindern, dass sich ein befruchtetes Ei in der Gebärmutter einnistet. Östrogene und Gestagene sind nämlich eigentlich Hormone, die grundsätzlich vom Körper selbst produziert und durch die künstlichen Varianten der Pille maskiert werden. Durch die Pilleneinnahme werden hormonelle Schwankungen unterdrückt und ein natürlicher Hormon-Rhythmus ist nicht mehr vorhanden – mit Folgen und Risiken für die Frau wie z.B.  der erwähnte Libidoverlust. Daher ist es umso wichtiger, bei jeder Verhütungsmethode vorab eine genaue Abwägung für sich und seinen Körper zu treffen.

Experteninterview: Vier Fragen an Dr. Stephanie Eder

  1. Welche Vorteile und welche Nachteile bietet die Pille als Verhütungsmittel für Frauen?

    Als sicheres Verhütungsmittel mit einem exzellenten Pearl-Index bietet die Pille eine Vielzahl an Vorteilen:

    • Sie kann das Risiko für Krebs, etwa Eierstockkrebs, Darmkrebs oder Gebärmutterkörperkrebs senken.
    • Sie hat grundsätzlich keine negativen Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit – nach Absetzen der Pille ist schon im 1. Zyklus der Eintritt einer Schwangerschaft möglich.
    • Sie kann als Therapeutikum bei Endometriose, dem Prämenstruellem Syndrom, Akne, hormonellen Störungen oder Krankheitsbildern, die mit erhöhten männlichen Geschlechtshormonen einhergehen (sog. Hyperandrogenämie), eingesetzt werden
    • Sie kann Regelschmerzen sowie starke und lange Periodenblutungen lindern
    • Sie kann den Zyklus regulieren

    Allerdings sollten auch die Nachteile nicht außer Acht gelassen werden:

    • Die meisten Pillen können das Thromboserisiko etwas erhöhen (Ausnahme: östrogenfreie Pillen)
    • Sie kann einen negativen Einfluss auf die Stimmung sowie Förderung und Auslösung depressiver Stimmungen und/oder Depressionen haben
    • Minderung oder Verlust der Libido ist möglich
    • Die Einnahme kann einen Einfluss auf das Körpergewicht haben – unter anderem in Form von Wassereinlagerung, Ödembildung oder Appetitsteigerung
    • Sie kann das Krebsrisiko (Gebärmutterhalskrebs, Brustkrebs) erhöhen
    • Sie bietet keinen Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen 

    * Grundsätzlich ist natürlich immer wichtig, dass individuell eine transparente Aufklärung stattfindet, um der jeweiligen Patientin das für sie passende Verhütungsmittel aufzuzeigen.

    2. Welchen Einfluss kann die Einnahme der Pille auf die Libido von Frauen haben?
     

    Die Libido der Frau ist sehr komplex und abhängig von vielen Faktoren und Einflüssen wie z.B. der Partnerschaft oder dem jeweiligen Lebensabschnitt.
    Dabei zeigt die Datenlage, dass es in der Mehrzahl der Fälle keinen nachweislichen Einfluss der Pille auf die Libido gibt. Zwar gibt es Patientinnen, die unter dem Einfluss der Pille Libidoveränderungen erleben, andererseits gibt es auch Patientinnen, die eine Steigerung der Libido angeben. Die Erklärung hierfür ist, dass die hohe kontrazeptive Sicherheit der Pille die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft nimmt und damit lustfördernd wirken kann. Demgegenüber gibt es im klinischen Alltag die Patientinnen, die Libidoverlust erleiden und diesen im (zeitlichen) Zusammenhang mit dem Beginn der Pilleneinnahme und damit einhergehenden hormonellen Veränderungen auf den Körper und die Seele feststellen. Ein Teil der Patientinnen, die probatorisch die Pille absetzen, um den Einfluss auf die Libido auszuschließen, erlebt dann auch tatsächlich, dass die Libido zurückkehrt. Es gibt aber auch genauso die Patientinnen, die nach Absetzen der Pille keine Veränderung bemerken.

    3. Welche langfristigen Auswirkungen kann eine verringerte Libido durch die Pille auf die sexuelle Gesundheit und das Wohlbefinden haben?
     

    Es ist unbestritten, dass ein zufriedenes und erfülltes Sexualleben die sexuelle Gesundheit erhält und das Wohlbefinden steigert. Langanhaltende Libidoprobleme könnten sich unter anderem negativ auf Partnerschaften und die eigene sexuelle Zufriedenheit auswirken, sodass es in jedem Fall zielführend ist, Libidoprobleme zu therapieren.

    4. Welche Möglichkeiten gibt es, die Libido zu steigern, wenn sie durch die Einnahme der Pille beeinträchtigt wird?
     

    Aus frauenärztlicher Sicht sind die Möglichkeiten überschaubar: In Hinblick auf die Komplexität der Libido an sich, sollten auch andere Gründe wie z.B. die Partnerschaft oder Stress ausgeschlossen oder mitbedacht werden, bevor die Pille automatisch als ursächlich für den Libidoverlust beurteilt wird. Es empfiehlt sich in jedem Fall, einen „Pillenauslassversuch“ (über mindestens 3 Monate) oder ein Präparat mit einer anderen hormonellen Zusammensetzung zu diskutieren. Aus theoretischen Überlegungen, zu denen es keine evidenzbasierten Studien gibt, empfiehlt es sich dennoch, keine sog. antiandrogenen Pillen einzusetzen, da Androgene als libidofördernd gelten.

    Frau Dr. Stephanie Eder ist seit April 2004 als niedergelassene Frauenärztin tätig. Dabei liegt ihr vor allem die Aufklärungs- und Präventionsarbeit mit Jugendlichen am Herzen. Tätigkeitsschwerpunkte in der Praxis sind neben der allgemeinen Gynäkologie die Kinder- und Jugendgynäkologie sowie die Teenager-Sprechstunde. 

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