Bild: Oliver Rüther

19. März 2024

„Vorlesen ist eine Superkraft“ 

Ab wann kann man Kindern eigentlich vorlesen? So früh wie möglich, findet Sabine Bonewitz, Leiterin des Bereichs „Familie und Kita“ bei der Stiftung Lesen. Ja zum Baby hat mit der Expertin darüber gesprochen, warum Vorlesen so wertvoll für die Entwicklung von Kindern ist und welche Bücher wann geeignet sind. 

Ab welchem Alter ist es überhaupt sinnvoll, Kindern vorzulesen?

S. Bonewitz: Damit kann man nicht früh genug starten. Am Anfang ist es noch kein Lesen im eigentlichen Sinne, man zeigt auf Dinge, die man in einem Buch mit ganz einfachen Abbildungen findet, und erzählt dazu einfach. Die Kinder verstehen auch schon ganz schnell viel mehr, als sie selber sagen können. Für ein Baby ist so ein Buch natürlich erstmal ein Spielzeug. Die stecken das in den Mund, drehen es um, begreifen es im wahrsten Sinne des Wortes, pfeffern es auch schon mal in die Ecke. Das ist ganz normal und ändert sich bald. Dann wird man feststellen, dass sie ganz neugierig und interessiert sind. Sie spüren: Da nimmt sich jemand Zeit für mich, redet mit mir, erzählt mir was. Und nach und nach können sie mit den Abbildungen auch etwas anfangen. 

Ist das Lesen also so wertvoll, weil man sich mit dem Kind beschäftigt und mit ihm spricht?

S. Bonewitz: Wenn man sich gemeinsam mit dem Kind ein Bilderbuch anschaut, hilft das beim Sprechenlernen. Wir sagen: Das Vorlesen ist eine Superkraft. Es hat einfach auf so viele Dinge Einfluss. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird – das weiß man aus der Forschung – lernen leichter in der Schule. Sie lernen nicht nur schneller lesen, sondern tun sich in allen Fächern leichter. Wenn ich zum Beispiel in einem Bilderbuch nach versteckten Punk- ten suche, fange ich an zu zählen. Das sind so viele Fertigkeiten, die man dabei stärkt. 

Wann sind die besten Gelegenheiten zum Vorlesen und wie lange sollte es dauern? 

S. Bonewitz: Wir geben immer gern als Richtgröße zehn bis 15 Minuten pro Tag an. Das passt natürlich nicht immer in den Alltag. Und jedes Kind ist auch unterschiedlich und hat unterschiedliche Phasen. Es gibt auch Momente, da passt Vorlesen gerade gar nicht, weil das Kind vielleicht Hunger hat oder toben will. Aber dann kann man es zu einer anderen Zeit machen. Gut eignet sich Vorlesen, wenn ein Kind zur Ruhe kommen möchte, ob nachmittags oder abends. Aber auch Wartesituationen eignen sich, beim Arzt, an der Bushaltestelle. Zu Hause ist natürlich besonders schön, wenn man ein gewisses Plätzchen zum Vorlesen hat, wo man es regelmäßig machen kann. 

Welche Bücher eignen sich wann zum Vorlesen? 

S. Bonewitz: Am Anfang sind Schwarz- Weiß-Bücher unheimlich schön, weil sie sehr kontrastreich sind, das können Babys gut erkennen. Im Laufe des ersten Lebens- jahres kann dann immer mehr dazukom- men. Dann stellen die Kinder zum Beispiel auf einmal fest: Den Bagger, den ich von der Baustelle kenne, sehe ich ja jetzt hier im Buch, der sieht genauso aus, wie das Ding, das da draußen steht. Das unter- stützt die kognitive Entwicklung des Kinder, das weiß man aus der Hirnforschung. Im zweiten Lebensjahr fangen Kinder dann in der Regel an zu sprechen. Dann merkt man auch: Wenn ich jetzt etwas vorsinge oder einen Reim spreche oder ein Finger- spiel mache, kann mein Kind ansatzweis mitmachen. Die Kinder fangen dann auch an auf etwas zu zeigen und Dinge wiederzuerkennen. Sie verstehen dann schon sehr viel, sogar kleine Geschichten. Es ist wichtig, sich beim Vorlesen an den Bedürfnissen der Kinder zu orientieren. In welcher Stimmung sind sie? Was interessiert sie? Wenn man merkt, dass es gerade nicht passt, sollte man es lieber später nochmal versuchen. 

Können Hörspiele das Vorlesen ersetzen?

S. Bonewitz: Ersezen vielleicht nicht, aber sie sind ein ganz tolles zusätzliches Angebot. Kinder lieben Geschichten. Wenn mal keine Zeit zum Vorlesen ist, spricht überhaupt nichts dagegen, Kinder Hörspiele hören zu lassen. 

Sabine Bonewitz ist studierte Sozialpädagogin und arbeitet seit 2006 für die Stiftung Lesen. Sie betreut dort das Angebot „Familie und Kita“, das sich an Eltern von Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren richtet. Seit 2011 leitet sie das bundesweite „Lesestart“-Programm, das Eltern mit Babys und Kleinkindern Zugang zum Vorlesen vermitteln möchte. 

Suchtipps von Sabine Bonewitz

Gefragt nach ihren persönlichen Vorlese-Highlights hat uns die Expertin folgende Lieblingsbücher genannt: 

  • „Klopf an!“, von Anna-Clara Tidholm, ab 2 Jahren, Hanser Verlag, 10 € 
  • „Nur noch kurz die Ohren kraulen?“, von Jörg Mühle, ab 2 Jahren, Moritz Verlag, 9,95 € 
  • „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“, Axel Scheffler und Julia Donaldson,ab 3 Jahren, Beltz & Gelberg, 6,95 € 
  • „Mitmach Buch“, von Herve Tullet, ab 3 Jahren, Christophorus Verlag, 12,99 €

Mehr zum Thema Entwicklung

  • JETZT IM NEUEN HEFT:

    • Vorsicht, Sonne!
    • Stillen ohne Stress
    • Gut vorbereitet